Mein Weg: Wie ich meine Essattacken endlich unter Kontrolle brachte

Ich bin ungefähr elf Jahre alt und gehe noch zur Grundschule. Damals war unser altes Haus nicht weit von meiner Schule entfernt. Ich habe viele wunderschöne Kindheitsmomente von dieser Zeit im Kopf – wie der kleine Spielplatz, auf dem ich mich vor der Schule mit meinen Freunden traf und an große, saftige Hagebutten, die wir sammelten, um sie später mit heißem Wasser aufzugießen.

Mein Weg- Essattacken besiegen

Aber ich kann mich auch erinnern, wie ich mir im zarten Grundschulalter bereits Essattacken hatte. Ich kaufte mir von meinem Taschengeld viele bunte Süßigkeiten und aß sie, bevor ich heimkam.  Ich war ein kräftiges Kind, wie man so schön sagt. Meine Eltern kochten jeden Tag für mich und meine Geschwister und schenkten uns eine glückliche Kindheit mit den ganz normalen Hochs und Tiefs. Aber sie haben auch darauf geachtet, dass ich schlank bleibe. Das Essen wurde portioniert und meine Eltern schauten, dass ich nicht so viel nasche. Aber oft hatte ich viel mehr Hunger, als die Portionen am Familientisch hergaben und manchmal hatte ich einfach Lust auf ein zweites Stück Kuchen.

Also aß ich heimlich. Bonbons unter dem Kissen oder eine Tüte Chips extra bei Oma.

Somit kann ich mich nicht entsinnen, je ein normales Essverhalten gehabt zu haben. Ich hatte auch nicht die Chance dazu, denn ich wollte immer, was ich nicht haben kann und durfte mich gefühlt nie satt und zufrieden essen. Eine Langzeitstudie der Universität Stanford zeigte, dass Kleinkinder ein ganz natürliches Gefühl dafür haben, welche Nährstoffe sie benötigen und selbst für sich entscheiden können, wann sie satt und glücklich sind – Die gut gemeinte Regulierung meines Essverhaltens durch mein Umfeld und meine Eltern hätte ich daher eigentlich nie gebraucht. Es war diese Regulierung, die mir bewusst machte, dass ich scheinbar “anders” (also kräftiger) war und zugleich fing ich an “Essen” mit “Schuld” und einem schlechten Gewissen in Verbindung zu bringen.

Der Kreislauf beginnt

Ich wurde älter und realisierte, dass Schlanksein Schönsein bedeutet. Und fühlte mich schrecklich, weil ich ja selbst ein „maßloses Monster“ war, das alle Pausenbrote auf einmal verschlingen konnte.  Ich fing an, in den Strudel von Diäten und Essattacken zu rutschen und dieser Dauermechanismus hat mich natürlich auch im Alltag beeinträchtigt. Meine Stimmung war nun zu jedem Zeitpunkt! von meinem Gewicht abhängig. Wenn ich zu viel wog, war der ganze Tag verschwendet. Meine Gedanken kreisten dauerhaft zwischen Kalorien, Verzicht und Schuldgefühlen. Ich verwehrte so meinem Körper jahrelang, sich einfach satt zu essen. Mein Kopf lernte, dass Essen etwas Schlimmes und Hunger etwas Verwerfliches ist.  Ich habe es nie verstanden: Wie können meine Freunde zum Frühstück ein Brötchen essen und einfach zufrieden vom Tisch verschwinden, ohne wie ich, noch zahlreichen Gelüsten nachzuhängen? Warum rühren meine Freunde die Kekse nicht an, während wir einen Film schauen? Was heißt es eigentlich satt und zufrieden zu sein? Ich lernte es erst 15 Jahre später.

Bis dahin sollten etliche Achterbahnfahrten der Gefühle und extreme Gewichtsschwankungen folgen. Rückblickend sehe ich auf Fotos aus meiner Pubertät ein wunderschönes Mädchen, dass noch nicht mal etwas zu dick ist, sondern eine normale Figur hat. Warum hatte ich damals so ein verschobenes Selbstbild von mir? Bis wir „Esssüchtige“ aufwachen, haben wir alle eines gemeinsam. Wir denken, wir können unser Verhalten ab morgen ändern. Wir rennen immer wieder in dieselbe Falle des Essanfalls und denken, wir machen einfach mit der nächsten Diät weiter und schon ist alles wieder gut.

Wer bin ich eigentlich?

Was für ein Trugschluss! Wenn wir nicht den wahren Grund hinter unseren Essattacken erkennen, hören die Essattacken nicht auf. Ich habe mich quasi mein ganzes Leben für mich und meinen Körper geschämt und nur dann wunderbar gefühlt, wenn ich kurz meine Zielgewicht hielt. Dann lachte, tanzte und liebte ich und fühlte mich wahnsinnig attraktiv. Doch innerlich hatte ich nicht an mir gearbeitet. Ich dachte immer, dass nur mein Aussehen und der perfekte Körper mich liebenswert machen. Aber dass ich immer liebenswert bin, egal wie ich aussehe, habe ich nie gelernt. Und so lernte ich mich auch nicht wirklich kennen.

Wer bin ich eigentlich? Ich habe mich mein Leben lang so sehr mit dem perfekten Körper beschäftigt, dass ich tatsächlich vergessen habe, zu leben.

Meine Träume habe ich nicht konsequent verfolgt, weil ich erst perfekt sein musste, bevor ich sie mir erlauben darf. Ich habe nie gewusst, dass meine Träume auch unabhängig von meinem Gewicht existieren dürfen. Wie oft bin ich zu Hause geblieben, anstatt mit Freunden an den Strand zu gehen, weil ich mich hässlich fühlte. Ich weiß heute, dass viele Menschen mit regelmäßigen Essattacken unter einer zurückgehaltenen Lebensenergie leiden. Viele haben sich nie mit ihren wahren Träumen und Wünschen auseinandergesetzt. Wie auch? Es geht ständig nur ums Essen und um das perfekte Aussehen.

Die Depression als Neuanfang

Gegen Ende meines Studiums fühlte ich mich völlig ausgebrannt. Mein Zielgewicht hatte ich immer noch nicht erreicht und langsam rutschte ich in eine Depression, weil mich mein Studium nicht wirklich erfüllte. Es sollte ein weiteres Jahr dauern, bis ich so am Ende war, dass ich etwas ändern MUSSTE. Klar, ich hätte immer so weitermachen können: Meinem perfekten Ich hinterherjagen, abnehmen, zunehmen und mein Leben nur nach Schönheit, Perfektion und Außendarstellung ausrichten. Aber ich hatte genug davon. Es war zu anstrengend.

Ich erzählte einer Freundin von meinem Problem und sie empfahl mir ein Buch, welches sie jüngst gelesen hatte. Essen als Ersatz: Wie man den Teufelskreis durchbricht von Geneen Roth, haute mich förmlich um. Das erste Mal erfuhr ich, dass es sehr vielen Menschen so geht wie mir und der Kreislauf der ständigen Essattacken viel tiefer sitzt, als man sich eingestehen mag.

Dass wir unsere Probleme genau mit dem Mittel bekämpfen, dass wir auf der anderen Seite so sehr kontrollieren möchten: Essen.

Das ist eigentlich paradox: Wir wollen abnehmen und entziehen unserem Körper Nahrung und wenn es uns schlecht geht, greifen wir genau auf Essen zurück, um uns gut zu fühlen. Ich erkannte, dass meine Essattacken zweierlei Ursachen haben: Zum einen holte sich mein Körper mit den Essattacken, was ich ihm sonst durch mein restriktives Essverhalten verwehrte (Energie zum Funktionieren, genügend Kalorien, Vitamine und Spurenelemente).  Zum anderen ist (Über)-Essen über die Jahre ein Mittel geworden, meine fehlende Selbstliebe zu ersetzen.

Schluss mit Diäten! Die tägliche Portion Selbstliebe

Ich weiß heute, dass man leben lernen muss, so wie man Sprachen lernt. Man muss dranbleiben und jeden Tag etwas dafür tun, um sicher und selbstbewusst zu werden. So habe ich angefangen, meinen Alltag Schritt für Schritt zu ändern. Für mich war es zum Beispiel eine bewusste Entscheidung, einmal in der Woche wandern zu gehen und ein Tagebuch über meine Fortschritte zu führen. Wenn ich mich körperlich nicht wohl fühlte, habe ich mich im wahrsten Sinne des Wortes gezwungen, raus zu gehen und trotzdem Spaß zu haben. Ich habe versucht, mein Gewicht von meinem seelischen Wohlbefinden abzukoppeln. Und siehe da, tatsächlich verschwand langsam das Bedürfnis, immer essen zu wollen.

Wenn ich wieder verstärkt Essattacken hatte, wusste ich sofort, dass es mal wieder Zeit war, etwas Schönes für mich zu tun. Für mich gleicht es immer noch einem Wunder: Seit ich mir konsequent und bewusst schöne Erlebnisse in meinem Alltag schaffe, wird der Hunger im Kopf stiller und endlich ist da Platz für eine leise Stimme, die ich vorher nie deutlich wahrnahm: Der physische Hunger. Heute stille ich ihn genau mit dem, was er braucht.  Ja, auch wenn ich Lust auf eine große Sahnetorte habe, esse ich sie. Natürlich, ich bin nicht perfekt. Noch immer habe ich manchmal das Verlangen, wenn es mir schlecht geht, mit einem Fressanfall zu reagieren. Heute gelingt es mir nur besser, mein Verlangen zu verstehen und zu kontrollieren.  Und wenn ich gegen eine Essattacke doch einmal machtlos bin, lasse ich sie zu. Und am nächsten Tag geht es einfach normal weiter.

Hat die Veränderung mein Gewicht beeinflusst?

Ich bin endlich meine extremen Gewichtsschwankungen los. Ich habe ein Wohlfühlgewicht und solange ich auf meinen Hunger höre und diesen auch normal befriedige, halte ich dieses Gewicht auch auf ganz natürliche Weise. Wie gesagt: Selbst, wenn ich einer Heißhungerattacke einmal nachgebe oder z.B. auf Geburtstagsfeiern oder nach einer durchzechten Nacht auch mal über meinen Hunger esse, akzeptiere ich das. So fällt es mir langfristig viel leichter, ab einem bestimmten Punkt aufzuhören.

Auch wenn es dir schwer fällt, dies zu akzeptieren: Bei der Beseitigung der Esssucht geht es nicht primär um Abnahme.

Nur wenn man irgendwann einsieht oder vielleicht das erste Mal im Leben begreift, dass man sich erst so nehmen muss wie man ist, um zu genesen, kann man es aus dem Endloskreislauf schaffen.

Und ja, ich kann sagen, dass ich letztlich abgenommen habe, sehr langsam und hinzu einem Normalgewicht, welches nichts mit einer Size Zero oder Modelmaßen zu tun hat. Die Abnahme kam ganz natürlich, da ich meinem Körper auf lange Sicht nicht mehr Kalorien zuführte, als er brauchte. Ich esse Döner, Nudeln und Schokolade, aber ich versuche davon nur viel zu essen, bis der physische Hunger gestillt ist. Es kann auch sein, dass du zunimmst: Wenn du vorher sehr unrealistische Erwartungen hattest und dich immer auf einem Minimalgewicht hältst, kann es sein, dass du ein Normalgewicht erreichst, sobald du seelisch heilst.

Jeder Weg ist individuell, aber auf unserem Blog zeigen wir euch, wie wir unsere Fressattacken dauerhaft unter Kontrolle bekommen haben und wie ihr das auch schaffen könnt. Ganz ohne Extreme. Einfach normal und gesund!

(Marie von hungerimkopf)

 

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