Falsche Schönheitsideale fördern Binge-Eating und Essstörungen

Studien ergeben immer wieder: Von Essstörungen sind besonders Frauen betroffen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt an, dass etwa 75% der Betroffenen Frauen sind. Und obwohl beim Binge-Eating die Zahlen ausgeglichener sind, verdeutlichen die Erhebungen, dass es Frauen sind, die (noch – denn Männer haben in den letzten Jahren drastisch aufgeholt)  grundsätzlich mehr unter nicht idealen Körpermaßen leiden. Warum ist das so?

Falsche Schönheitsideale fördern Binge-Eating und Essstörungen.

Die Frage kannst du dir wahrscheinlich schon ganz gut selber beantworten: Frauen und Mädchen sind einem viel stärkeren gesellschaftlichen Druck ausgesetzt. Während Männer einen “Dad-Bod” haben dürfen, und das sogar sexy ist, haben wir von einem “Mom-Bod” noch nie was gehört.

Nimm nach der Geburt möglichst nicht so viel ab, die Kilos stehen dir? – Said no one ever!

Dafür gibt es aber die MILF, die “Mom I’d like to fuck”. Und eine MILF hat ganz sicher keine Hängebrüste, Dehnungstreifen oder Übergewicht: Heidi Klum, Eva Longoria, Fergie – das sind MILFs. Frauen, denen man die Kinder nicht ansieht und die natürlich auch nicht altern. Die Message ist klar: Erst wenn wir das erreichen, sind wir erfolgreich!

Und nicht nur Mütter werden hier unter massiven Druck gesetzt. Im Grunde trifft es jedes Mädchen und jede Frau. Das äußere Erscheinungsbild hat einen unglaublich hohen Anteil daran, ob eine Frau gesellschaftlich anerkannt wird oder nicht. Nimm Politiker zum Beispiel. Die dürfen übergewichtig oder schlecht gekleidet sein und niemanden interessierts. Bei Politikerinnen sieht das gleich ganz anders aus: Kleidung, Gewicht, “sexyness” sind wichtige Attribute, die in journalistischen Beiträgen nicht fehlen dürfen. Denn die Tatsache, ob und wie sich Angela Merkel schminkt, scheint dann doch untrennbar mit ihrer Regierungskompetenz verknüpft zu sein. Aber der Fakt dass Sigmar Gabriel starkes Übergewicht hat? Nobody cares.

Du hältst diese Aussage für übertrieben? Dann schau dir mal das Experiment des australischen Moderators Stefanovic an: Ein Jahr lang trug dieser in jeder Sendung ein und denselben Billiganzug und keinem ist es aufgefallen, während stattdessen immer wieder über die Kleiderwahl seiner Kolleginnen berichtet wurde. Das ist vor allem eins: Verdammt unfair!

Falsche Schönheitsideale fördern Binge-Eating und Essstörungen.

Frauen dürfen nicht einfach nur reich, intelligent, kompetent oder kreativ sein, nein, sie sollten dabei auch gut aussehen – erst dann ist eine Frau wirklich erfolgreich und wird gesellschaftlich als solche akzeptiert. Tja, und bei dem Attribut  “gut aussehen” wird die Luft verdammt dünn: Schlank und sportlich sollen wir sein ( Nicht vergessen, Größe 38, spätestens 40 ist bereits “Pluz Size”) und altern dürfen wir auch nicht.

Außerdem haben wir natürlich keine Pickel, Narben, Cellulite – Wir sind makellos. Zumindest suggerieren das die Bilder, denen wir im Fernsehen, Zeitschriften, auf Instagram, an der Bushaltestelle oder in der Werbung begegnen. 25 jährige Models werben für Faltencreme für die reife Haut, Julia Roberts versucht ganz ohne Mimik Parfüm zu verkaufen, Frauen aller Couleur werden noch schlanker und glatter und perfekter gephotoshopt:

Und obwohl viele von uns wissen, dass diese Bilder in der Regel einfach nur unrealistisch sind, rennen wir alle blind wie Schafe diesem einem Ideal hinterher. Denn irgendwie haben auch wir akzeptiert, dass es nur ein “schön” gibt und alles andere höchstens als ein “gut kaschiert” durchgehen kann.

Was hat das alles nun mit Fressanfällen und Binge-Eating zu tun?

Nun ja, Esssucht ist natürlich eine komplexe Störung und jeder kämpft mit seinen ganz eigenen individuellen Dämonen. Nichtsdestotrotz haben wir häufig eines gemeinsam: Wir finden uns alle nicht schön oder nicht schön genug und scheitern immer wieder an unseren selbstgesteckten Zielen endlich dieses “schön” (was in der Regel auch “schlank” bedeutet) zu erreichen, um dann den Frust des Versagens mit Essen zu kompensieren: Hallo Fressattacke.  Was ist aber nun, wenn wir uns mal nicht nur mit dem “Wie” (Wie werde ich endlich schlank und schön?) sondern auch mal mit dem “Was” (Was ist eigentlich dieses “schön”, das ich zu meiner persönlichen Grundzutat zum Glücklichsein erkoren habe?) auseinandersetzen?

Kennen wir nicht alle diesen Moment, wenn wir uns alte Bilder angucken und gar nicht glauben können, dass wir uns schon damals als viel zu dick gehalten haben? Und nun in der Retrospektive vielleicht sogar ein schlankes oder etwas kräftiges Mädchen sehen, dass verdammt gut aussah. Ja, vielleicht  würdest du inzwischen sogar dein letztes Hemd geben, um wieder so auszusehen. Aber warum hast du das damals nicht gesehen? Warum fühltest du dich so unsagbar dick und hässlich? Warum drehte sich dein Leben vielleicht schon damals nur noch um die Waage, abnehmen und die richtige Konfektionsgröße?

Wer hat uns vermittelt, dass unser Äußeres nicht genügt?

Es ist genau dieses durch die Gesellschaft geschaffene Bild, in denen Frauen und Mädchen besonders eins sein sollen: Schlank und Schön. Und du hast das natürlich versucht umzusetzen. Immer und immer wieder. Aber was ist, wenn nicht du das Problem bist, sondern das Ziel?

Was ist, wenn du plötzlich verstehst, dass das Schönheitsideal, dem wir konstant ausgesetzt sind, einfach mal absoluter Quatsch ist? Weil Frauen in allen Formen und Farben kommen und weil schön sein nicht mit einem BMI von 25 aufhört. Was ist, wenn du verstehst, dass das Leben viel mehr Spaß macht, wenn du gesund und glücklich bist, als einem künstlichen Bild hinterherzurennen, dass du ohne Photoshop wahrscheinlich nie erreichen wirst? Was ist, wenn du beginnst andere Frauen jenseits der 44 als schön wahrzunehmen, weil Schönheit so viel mehr als nur eine Zahl ist?

Ja, was ist dann? Dann macht das Leben vor allem eins: Mehr Spaß. Und deswegen sind wir doch hier. Wir wollen mit wehenden Busen am Strand Drachen steigen lassen. Auf einer Party tanzen bis die Sonne wieder aufgeht und beim Yoga diesen Kopfstand endlich perfektionieren. Weil wir es können und es uns glücklich macht. Yeah.

Sicherlich, ist das leichter gesagt als getan. Selbstakzeptanz und -liebe ist eine Schlüsselkompetenz, um den Esssucht-Teufelskreis zu verlassen und lernt sich nicht von heute auf morgen. Aber Schritt für Schritt ist es kein Hexenwerk.

Fang jetzt gleich. Plane keine ehrgeizige Diät mit der du endlich abnimmst sondern hinterfrage deine Schönheitsideale! Denk dran: Du genügst. Immer. Du bist schön und wunderbar. Sei dein bester Freund und stehe hinter dir. Kompromisslos. Wenn du es nicht tust, wer dann?

 

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