Diese Muster und Verhaltensweisen halten die Binge-Eating-Spirale am Leben

Die Ursachen für Binge-Eating resultieren aus einem komplexen Zusammenspiel zwischen körperlichen, psychischen und genetischen Faktoren. Soviel zur Theorie, über die sich Betroffene online schnell einen Überblick verschaffen können. Doch diese Informationen sind oft zu wissenschaftlich und sachlich und ohne eine medizinische Untersuchung wird man wohl nie erfahren, ob nun Papas oder Mamas Gene die eigene Binge-Eating-Störung begünstigen.

Ursachen für das Binge-Eating

Die freudige Nachricht: Auch ohne umfangreiche Labortechnik kann man den Gründen von Binge-Eating auf die Spur kommen. Es sind wiederkehrende Muster und Verhaltensweisen, die unliebsame Fressattacken begünstigen und die sich bei vielen Betroffenen ähneln.

Sicherheit und Kontrolle

Wer kennt ihn nicht? Den alltäglichen Begleiter namens To-Do-Liste. Am liebsten möchte man all die Vorhaben auf seiner Liste genauestens abarbeiten. Selbst die Wochenenden planen viele Menschen perfekt durch: Früh aufstehen, Zeitschrift lesen (die schon seit Wochen ungelesen im Briefkasten liegt), weiter zum Brunch mit Freunden, direkt in die Bibliothek (diesmal schaffe ich die zehn Seiten Hausarbeit bestimmt!) und schließlich ab zur Party. Eigentlich ist dagegen nichts einzuwenden, wäre da nicht das Problem mit der Fähigkeit, auf Planänderungen zu reagieren.

Wenn ich zum Beispiel an einem Samstag nicht Punkt 9 Uhr aufstand, weil ich Lust hatte auszuschlafen oder eine Freundin in letzter Minute für den fest eingeplanten Brunch absagte, war ich unzufrieden und unausgeglichen. Mir fehlte oft die Spontanität und Lockerheit, auf Abweichungen zu reagieren. Woran das liegt? Ich denke, viele Binge-Eater haben ein übersteigertes Kontroll- und Sicherheitsbedürfnis. Es dient als eine Art Schutz vor den ganz normalen Widrigkeiten des alltäglichen Lebens.

Pläne und die genaue Einhaltung dieser werden überlebenswichtig, da die Offenheit und die Kreativität fehlen, das Leben spontan und von innen heraus zu gestalten.

Aus Frust, Einsamkeit oder einfach aus purer Langeweile lockt schließlich der Gang zum Kühlschrank.

Wo andere einen ausgleichenden Spaziergang machen, die Gitarre mal wieder herausholen oder ins Fitnessstudio gehen, sind wir mit Planänderungen oft überfordert. Es gibt viele solcher Beispiele: Wenn das Uni-Lernpensum nicht eingehalten wird, ein Geburtstagsbuffet den persönlichen Kalorienplan durchkreuzt oder die Hose morgens nicht so locker sitzt, wie man es gern hätte. Eine Mücke kann für Binge-Eater sofort zum Elefanten werden. Und das ist Perfektionismus und Sicherheitsdenken in Reinform.  Die Kompensation: Essen.

Zurückgehaltene Lebensenergie

Stell dir vor, du sitzt in einer wunderschönen Strandbar auf einer paradiesischen Trauminsel, trinkst deinen Cocktail, isst von den leckeren Antipasti vom Buffet, hörst das Meer rauschen und empfindest pures Glück über diesen wundervollen Moment. Am liebsten würdest du jetzt einfach ins Meer rennen und diesen Moment in deinem Leben voll auskosten.

„Ähhh ja, Moment mal …. Diese Antipasti haben gefühlt 1000 Kalorien plus der Sahne-Cocktail … dann kann ich das Ganze hier eigentlich gleich lassen. Jetzt habe ich eh schon so viel gegessen – ich werde mich bestimmt nicht vor allen Menschen hier im Bikini präsentieren.“

Während die Strandgäste um dich herum die Natur genießen und den Moment voll ausschöpfen, fühlst du dich schuldig, weil du Depp schon wieder schwach geworden bist.

Was habe ich heut früh gegessen? Wie viel kann ich jetzt essen, damit ich das Brötchen von heut Morgen kompensieren kann? Wie viel kann ich abnehmen, wenn ich die nächste Woche nur Green-Smoothies trinke? Für mich waren solche Gedanken ein ständiger Begleiter und sie lassen keinen Platz für Ausnahmen, keinen Raum für Genuss und Freude und gleichen purer Selbstkasteiung.  „Du wirst morgen sein, was du heute denkst“ besagt ein buddhistisches Sprichwort. Wenn wir unsere ständigen Gedanken über das Essen nicht loswerden, werden wir die Binge-Eating-Spirale aufrecht erhalten, weiter verängstigt leben, niemals wahren Genuss und Freiheit erfahren und mal ehrlich: wie gut würde es sich anfühlen, sich einfach frei und glücklich in die Fluten zu stürzen …

Jedem gerecht werden wollen

Ich habe Menschen immer bewundert, die einfach ihr Ding machen. Menschen, die ihre Meinung vertreten, bis zu einem gewissen Grad auf Sicherheit scheißen und zu meinem Erstaunen dennoch glücklich durchs Leben gehen. Den unbefriedigenden Job kündigen? Viel zu viel Angst davor. Sich gegen Karriere und für mehr Lebenszeit entscheiden? Das geht doch nicht, die Rentenversicherung und meine Eltern würden mich köpfen! Endlich mit den Songs auftreten, die ich seit Jahren im stillen Kämmerlein komponiere? Ach, ehrlich gesagt sind die Lieder eh nicht so gut. Solche Überzeugungen haben mich oft am Leben vorbei leben lassen.

Doch Menschen, die „ihr Ding durchziehen“ sind nicht perfekt, sondern sie gehen Risiken ein, haben den Mut zu scheitern und vertrauen ins Leben. Vielleicht denkst du, sie sind irgendwie besser und schöner als du und haben deshalb mehr Erfolg. Doch in Wahrheit gehen sie nur anders mit Angst um. Auch sie werden zurückgewiesen, kritisiert und scheitern, doch es gelingt ihnen, aufzustehen, weiterzumachen und ihr Leben stets selbst zu gestalten. So wie die meisten Binge-Eater machen sie ihren Selbstwert nicht an der Bestätigung und Wahrnehmung anderer fest.

Ich weiß, so etwas lässt sich schnell auf’s  Papier bringen. “Aber im echten Leben ist doch alles viel schwieriger!” denkst du vielleicht. Ja, das ist es auch, aber das darf dennoch keine Dauerausrede sein!

Unsere Komfortzone ist vielleicht unser gemütlichster Ort, aber hier wächst und gedeiht nichts.

Du möchtest Sonnenblumen und Tomatensträuche? Dann mach dich auf und stell dich deinen Ängsten. Ich habe ganz bestimmt auch noch nicht den Stein der Weisen gefunden. Dennoch: Seitdem ich meine Muster und Ängste erkenne, versuche ich Schritt für Schritt anders auf sie zu reagieren, als ich es jahrelang  getan habe. Seitdem geht es mir einfach besser.

Ich lade dich hiermit zu einem kleinen Gedankenspiel ein: Was würdest du gern verwirklichen, wenn es keine Angst in dir gäbe? Wo siehst du dich in fünf Jahren, wenn du es dir einfach frei heraus wünschen könntest, unabhängig von Geld, dem Binge-Eating oder deinen Eltern? Wer oder was möchtest du sein?

(Leni von hungerkimkopf)

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