Der Morgen danach: Wie wir uns immer wieder selbst belügen

Mit verklebten Augen und vollem Magen wache ich Samstag 10:00 das erste Mal auf. Der Grund, warum ich liegenbleibe, hat nichts mit Schlafmangel zu tun, sondern mit schmerzenden Gliedern und einer dumpfen Müdigkeit, die mich niederdrücken. Ich schlafe wieder ein.

 Unsplash ©Annie Spratt

Mit dem Gefühl von Schuld und leichtem Ekel stehe ich erst auf, als es draußen wieder dunkel wird. Erster Griff zum Portemonnaie. Ist noch Geld da? Meine Gedanken sind beim Essen – dem einzigen, das meine Stimmung wieder aufhellen kann und gleichzeitig einen weiteren Tag Schuld bedeutet.

Rückblick: Eigentlich war gestern ein normaler Tag. Uni, Bibo, danach Freunde in einer Bar treffen. Was war passiert? Eine Kleinigkeit, ein winziger Fakt, ein kurzer Blick aufs Handy warf mich in einen tiefen Strudel an Selbstzweifeln. Ein Bild vom letzten Geburtstag mit Freunden, dass mir eine Freundin beiläufig zeigte – ja, die Menschen auf den Bildern sahen glücklich aus, aber Moment mal…das war nicht ich vorn in der ersten Reihe… Der aufgeblähte Körper und die unvorteilhaften Klamotten sprangen mir förmlich ins Gesicht. Das war nicht die Frau, die ich jeden Tag im Spiegel sehe. Dabei war ich die letzten Tage doch zufrieden mit mir? Wenn dieses eine Bild nicht alles geändert hätte…

Das war nicht die Frau, die ich jeden Tag im Spiegel sehe.

Mein Selbstbild schmolz dahin. Der Abend war gelaufen. Sahen die anderen, wie ich mich verändere? Meine Schminke fühlte sich plötzlich wie eine Maske an, meine Hose war zu eng, das Herz klopfte schneller. Ich musste allein sein. Ich, allein mit Pizza, meinen Chips, meiner Schokolade … Mich nicht mehr spüren und anblicken müssen… Nur ein Bissen und schon ist es vorbei…. Ich kann das Bild verdrängen… Ich muss keine Verantwortung für mein Leben übernehmen, nur einfach dahingleiten, trotzig sein … fuck you life.

Und es tat gut, für ein paar Stunden und eine Netflixserie tat es sogar extrem gut. Während mein Kopf auf Durchzug lief, dachte ich nur: „Morgen fängst du an, du kannst jetzt alles essen, und ab morgen machst du Diät!“ Ich hatte meine persönliche Rechtfertigung, meinen Körper wie eine Müllhalde zu behandeln. Und ich glaubte mir selbst, dass ich es am nächsten Tag „schaffen“ kann. Immer wieder glaube ich es. Als das Gelage zu Ende ist, spürte ich den vertrauten Schmerz in meinem Magen, der mich dumpf und müde macht. Ich denke nichts, ich fühle nur eine große gähnende Leere und die leise Ahnung, dass das Leben mehr bedeuten muss…

Heute kannst du alles essen, aber ab morgen machst du Diät!

Samstagnachmittag. Ich habe bisher nichts aus dem Tag gemacht. Wieder ein Tag ohne Träume und Inhalt. Meine Füße tragen mich noch bis zum Bäcker um die Ecke. Hoffentlich sieht mich keiner. Nur EIN belegtes Brötchen – nur eins! Und vielleicht eine Zimtschnecke, oder doch nicht? Ach egal, heute darf ich nochmal, aber danach geht’s los, ab morgen fange ich an – wirklich!

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